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Chaos - aus reiner Nächstenliebe

Ein extra für Besucher perfekt aufgeräumtes Haus macht zwar einen guten Eindruck - doch führt es auch dazu, dass Besucher sich besser fühlen? Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Haushaltsführung. 

In diesem Haus wohnen Kinder. Das sieht man auf den allerersten Blick. Im Flur liegen drei einzelne Schuhe, ein paar verstreute Holzperlen, eine halb ausgezogene Puppe. Auf dem Esstisch steht noch das Frühstück, er ist verschmiert mit Honigspuren und etwas verschüttete Milch hat weisse Flecken hinterlassen. Auch im Wohnzimmer liegt Spielzeug auf dem Boden.

„Die perfekte Hausfrau werd ich wohl nicht mehr“, sagt meine Bekannte entschuldigend, während sie hastig den Tisch abräumt. Dann hält sie plötzlich inne, zuckt mit den Achseln. „Na ja - ich weiss eigentlich auch gar nicht, ob das überhaupt mein Ziel ist.“ Wir lachen beide. Und ich fühl mich in diesem leicht chaotischen Wohnzimmer so entspannt und wohl wie lange nicht mehr bei einem Besuch. Mein Kleinkind kann hier fröhlich den Inhalt meiner Handtasche auf dem Fussboden verteilen, ohne dass ich mich dafür schämen muss, was sie da alles zutage fördert. Und die Grosse darf mit der Tochter des Hauses Spielzeug aus dem Kinderzimmer anschleppen, ohne damit ein perfekt aufgeräumtes Zimmer zu verunstalten.

Später, zuhause, lasse ich die Situation nochmal Revue passieren. Wie oft räume ich vor einem angekündigten Besuch in letzter Sekunde auf wie eine Irre! Und wenn ichs nicht ganz hinkriege, entschuldige ich mich bereits beim Öffnen der Tür, weil ichs aus diesen und jenen Gründen nicht geschafft hab, Ordnung zu schaffen. Als ob das bei uns ein Ausnahmefall wäre!

Um ehrlich zu sein: Bei uns regiert oft das Chaos. Aufräumen steht bei mir meist nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Und selbst wenn ich wollte - ich würd es schlicht nicht schaffen, immer perfekt Ordnung zu halten. So ist das halt, wenn vier Mini-Chaotinnen von einer selbst eher chaotisch veranlagten Mama beaufsichtigt werden…
Aber das darf natürlich keiner wissen. Ich bin doch Super-Mama, ich hab alles im Griff. Nicht, dass meine Besucher auf den Gedanken kommen, ich sei überfordert!

Als Gast hab ich mir allerdings keine Sekunde Gedanken darüber gemacht, ob meine Bekannt wohl grade nicht ganz klar kommt… Und ich hab mich nicht unwohler gefühlt als in den oft wirklich wundervoll ordentlichen Wohnzimmern vieler meiner Freundinnen.
Im Gegenteil. Denn sitze ich in einem solchen scheinbar perfekten Haus, dann fühle ich mich oft als komplette Versagerin. So siehts bei mir nie aus!

Also hab ich einen Entschluss gefasst. In Zukunft trage ich mit meinem Haushalt dazu bei, dass Besucher sich besser fühlen. Ich steh dazu, bei uns regiert oft das Chaos. Das darf man ab sofort sehen. Und ich hör auf, mich dafür zu entschuldigen. Aus reiner Selbstlosigkeit! Liebe zukünftige Besucherinnen und Besucher: Mein Chaos ist gewollt. Es ist extra für euch da - für euer Selbstwertgefühl!






Michelle Boss
, 34, Königstochter (so nennen ihre Töchter Menschen, die an Gott glauben), Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch

Wie macht ihr das - ist bei euch immer picobello aufgeräumt, wenn Besuch kommt? Oder gehört ihr sogar zu den Über-Hausfrauen oder Über-Hausmännern, bei denen IMMER Ordnung herrscht? Wir sind gespannt auf eure Kommentare!

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